Donnerstag, 26. April 2018

Ist das Unkraut, Heilkraut oder Superfood?

Ich war dann mal weg... 5 Tage auf Bildungsurlaub- nicht nur- zum Thema Frühlingskräuter und was man daraus so machen kann- und es hat sich gelohnt! 

Knoblauchrauke
Vorab möchte ich allerdings folgendes erwähnen: 
Essbare Wildkräuter, von denen viele auch als Heilkräuter bekannt sind, ersetzen keine ärztliche Therapie! Auch sollte man sich sicher sein, dass keine Allergie gegen bestimmte Stoffe vorliegt. Im folgenden Artikel werden Heilkräuter angerissen und essbare Pflanzen beschrieben, um die Neugier beim Leser zu wecken, der daraufhin vielleicht tiefer in die Materie eintauchen mag. Ich berichte hier ausschließlich über meine eigenen Erfahrungen, die ich bei einem Bildungsurlaub unter Dozentenanleitung gemacht habe und appelliere inständig, nur solche Pflanzen zu kosten oder zu verarbeiten, bei denen Sie sich bei der Bestimmung zu 100% sicher sind- ein "eventuell handelt es sich vielleicht um diese oder jene Pflanze" ist nicht sicher! Für alle Interessierten ist am Ende des Artikels eine Verlinkung sowie eine Sammlung von Suchbegriffen für weiterführende Fachliteratur angefügt.

Gartenschaumkraut
Superfoods sind in Aller Munde, vermeintlich hypergesunde Kerne, Früchte, getrocknete Würzelchen, Tees, exotische Gräser und vieles mehr wird aus den entlegendsten Gebieten dieser Erde für viel Geld und unter Verschwendung von unfassbaren Rohstoffen in unsere Gefilde transportiert. Und alle versprechen sie auf ihre eigene Art Heilung allerlei Wehwehchen und die Versorgung unseres Körpers mit allen wichtigen Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen- Adieu Zivilisationskrankheiten... aber... 

Lungenkraut
... hat unsere heimische Natur nicht ebenfalls ein breit gefächertes Angebot, welches einen ähnlichen Zweck erfüllt, ohne tausende Kilometer Transportweg zurück legen zu müssen und das vielleicht zu wesentlich erschwinglicheren Preisen?
Eigentlich sogar umsonst?

Vergißmeinnicht und Lungenkraut
Hat sie- hat auch jeder irgendwie schon einmal gehört, aber auch ich habe mich schwer getan, einfach mal zu probieren. Rückblickend war das auch gut so, denn es besteht bei einigen Pflanzen- ähnlich wie auch bei Pilzen- eine hohe Verwechselungsgefahr für den Laien und manchmal auch für den Profi- spätestens, wenn sich die Blätter ohne Blüte so sehr ähneln, dass man besser darauf verzichten sollte. So sehen sich Bärlauch und das giftige Maiglöckchen sehr ähnlich- was fatale Folgen haben kann, oder auch Wiesenkerbel und der gefleckte Schierling, der in der Vergangenheit als Schierlingsbecher mit Todesfolge so manch antiken Menschen ins Jenseits beförderte- allen voran sei Sokrates genannt, der mittels diesem Getränkes hingerichtet wurde.

Teich bei Haus Friede
Doch kommen wir wieder zu den Lebenden und zu den Möglichkeiten, mit heimischen Wald- und Wiesenkräutern spannende Dinge anzufangen.
Haus Friede in Hattingen war unser Ausgangspunkt, von dem aus die Gruppe der Teilnehmer zu den kleineren und größeren Exkursionen aufbrach. Und gleich an der Einfahrt zu dem im absolut Grünen gelegenen Haus wuchsen auch schon die März- bzw. Duftveilchen. Genau die Veilchenart, die zum aromatisieren der bekannte Veilchenpastillen dient. Und wer im März/ Anfang April die kleinen violetten Blumen in einer Wiese oder am Wegesrand entdeckt, sollte unbedingt daran riechen und sich ein wenig in die Kindheit zurückversetzen lassen.Unsere Dozentin war eine sehr begeisterungsfähige und wissenvermittelnde Persönlichkeit, die zum mitschreiben aufrief- somit habe ich es leider verpasst, ein schickes Foto zu schießen. Hier dafür ein externer Link zu der Beschreibung nebst Bildmaterial: Duftveilchen in der wikipedia

Um Haus Friede, links herum geht es in den Wald
Im Laufe des ersten Nachmittages durchforsteten wir noch die angrenzende Wiese und ich fühlte mich in Gedanken in meinen Garten versetzt und war schon sehr gespannt darauf, das Entdeckte mit meinen Gewächsen daheim zu vergleichen. Wir fanden Sauerampfer, Spitz- Breit- und den mittleren Wegerich und hörten spannende Geschichten dazu. Der Spitzwegerich ist neben dem Breitwegerich wohl den meisten daher bekannt, dass er in vielen Husten- und Bronchialtees enthalten ist.

Breitwegerich
Eine ähnliche Wirkung hat auch der Breitwegerich, allerdings sollten bei letzterem nur die jungen Blätter verwendet werden- alles andere wird zäh und ledrig. Bei Insekten- und Brennnesselstichen leisten beide erste Hilfe: Einfach ein Blatt zerreiben und auf den Stich auflegen.
Die Blätter des Sauerampfers haben eine kühlende Wirkung. Während die Wegeriche nicht gekocht werden sollen, kann der Sauerampfer auch in Maßen zu einer Suppe verarbeitet werden- in Maßen und möglichst ohne Stiel, da er ähnlich dem Rhabarber Oxalsäure enthält.

Gesammelte Kräuter 1
Nach jeder Exkursion wurden die gesammelten Kräuter verarbeitet, wobei der Fokus auf kleinen Tinkturen und Mazeraten sowie an den folgenden Tagen auch auf Kosmetikprodukten lag.
Für eine Tinktur wird immer Alkohol benötigt, in welchem die Kräuter für 4- 6 Wochen je nach gewünschter Wirkung einzeln oder als Mischung ziehen müssen.
Als Mazerat werden hingegen Öl- und Essigauszüge bezeichnet, die eine kürzere Ziehdauer haben.
Ebenfalls wurden verschiedene Sorten zu schmackhafter Kräuterbutter verarbeitet- was ich persönlich als ausgesprochen lecker empfand.

Gesammelte Kräuter 2
Eines der für den Gärtner unangenehmsten "Unkräuter" in unseren Breiten ist zweifelsohne der Giersch. Wir haben ihn roh probiert und ich muss leider eingestehen, dass er mir zuwider ist. Er soll gegen Gicht helfen, was allerdings nicht hinreichend belegt ist- das muss aber jeder für sich selbst entscheiden und gegebenenfalls ausprobieren. Giersch ist reich an Mineralien und Vitaminen und hat neben einigen anderen Wildkräutern vielen Menschen zu Kriegszeiten das Leben gerettet. Ich werde ihm vielleicht irgendwann noch einmal die Chance geben und ihn kochen- dann soll er dem Spinat ähneln. Achtung: Es besteht eine Verwechselungsgefahr zum Schierling, allerdings hat der Giersch einen dreikantigen Stiel. Bitte dennoch nur verwenden, wenn eine 100%ige Sicherheit besteht.

Vogelmiere
Die Vogelmiere, die sich in meinem Garten breit gemacht hat und von der mir schon mein Nachbar berichtete, dass er sie als Kind häufger gegessen hat, hat mich geschmacklich von allen Wildkräutern am meisten überzeugt: Sie erinnert an junge Erbsen und an Mais und wird definitv ihren Weg auf meinen Salatteller finden. Eine wundheilende Salbe lässt sich ebenfalls daraus herstellen und das Kraut selbst ist ein vielseitiges Heilkraut.

Brennnessel- an diese 3 n`s muss ich mich gewöhnen
Die Brennnessel ist hier eigentlich das Superfood schlechthin, alleine hierüber liesse sich ein ganzes Buch füllen. Als Tee, gekocht, im Salat, als Brühe oder Jauche zur Pflanzenstärkung und als Dünger, als Färberpflanze und sogar zur Fasergewinnung für Kleidung... schier unendliche Möglichkeiten für eine Pflanze, der immer noch so oft nachgesagt wird, sie sei ein lästiges Unkraut. Ok, die Fasergewinnung ist ein ausgesprochen aufwändiger Prozeß, der bereits vor tausenden von Jahren angewandt wurde und heute leider fast unerschwinglich ist, aber es lohnt durchaus, sich einmal mit dem interessanten Material zu befassen.

Die hübschen Blüten der Taubnessel
Nicht verwandt oder verschwägert mit der Brennnessel sind die Taubnesseln, die alleine durch ihre Blüten schnell und einfach von der Brennnessel zu unterscheiden sind. Sie gehöhren zu den Lippenblütlern und wirken vorzugsweise gegen "Frauenleiden". Die Blüten lassen sich aussaugen und geben so den Geschmack des süßen Nektars preis.
Taubnesseln gibt es mit weißen, violetten und gelben Blüten, gelesen habe ich noch von roten, diese aber noch nie gesehen.

Löwenzahn
Ebenfalls als böses Unkraut verschrien ist der Löwenzahn, dessen gesamte Pflanze für den Menschen nutzbar ist- doch auch hier gilt Vorsicht: Verwechselungsgefahr und bitte nur nutzen, wenn eine 100%ige Sicherheit besteht (Suchtipp "Gewöhnlicher Löwenzahn"). Insbesondere die Bitterstoffe sind ausgesprochen gesund, am einfachsten bietet sich eine Frühjahrskur an, bei der über 14 Tage täglich 3- 5 Löwenzahnstängel (ohne die ungeöffnete Blüte) gegessen werden. Wer empfindlich reagiert, beginnt mit einem Stängel und steigert sich langsam. Die Kur wirkt harntreibend.

Andorn
Weiterhin fanden wir Knoblauchrauke, Schabockskraut, Frauenmantel, den Huflattich, mehrere Schaumkräuter, den Gundermann, Waldmeister, Andorn, Mutterkraut, Franzosenkraut und das Klettenlabkraut sowie einige andere Pflanzen und lernten einen Ausschnitt der Verwendungsmöglichkeiten kennen. Niemals hätte ich zum Beispiel dem Ruprechtskraut, auch stinkender Storchschnabel genannt, irgendeine positive Wirkung zugeschrieben- und doch hat er sie.

Klettenlabkraut
Wir erhielten viele Rezepte, mörserten bis zum (leichten) Muskelkater und ich wurde ganz neugierig auf die gute Hildegard von Bingen und auf Maria Treben. Petersilienwein und der kleine Schwedenbitter sind bereits in die Hausapotheke aufgenommen worden, einige Tinkturen müsssen noch durchziehen und die ersten Salben wurden bereits aufgetragen.

Brennnesselseife
Es ist faszinierend, wie vielfältig unsere heimische Wildpflanzenwelt von uns Menschen genutzt wurde und zum Teil wird. 5 Tage Vollzeit- Bildungsurlaub haben unsere Gruppe an der Oberfläche kratzen lassen und einige dieser Pflanzen verdienen es, sie näher zu betrachten, sie zu nutzen und sie richtig gut kennen zu lernen- schließlich gehören sie zu der Umwelt, in der wir leben.
Daher betrachte ich nun auch meinen Garten mit völlig neuen Augen und ziehe nicht mehr jedes Kräutlein achtlos aus.

Wildkräutersammelsurium
Völlig neu waren mir nur wenige Kräuter, aber in Sachen Wirkungsweise, Verarbeitung und Zuordnung vom Namen zur Pflanze brachte mir dieser Bildungsurlaub ein umfangreiches, neues Wissen, weches ich nicht mehr missen mag. Die Gruppe selbst war spannend aufgestellt, sehr interessiert und bunt gemischt, ebenso hatten die Dozentinnen auf unterschiedliche Art ihren eigenen Reiz, der ausgesprochen kompetent und sympathisch auf mich wirkte.

Schafgarbe
Fazit: Wer sich mit seiner Umwelt und den darin enthaltenen Pflanzen auseinandersetzen mag und das Wissen, welches zum Teil vielleicht nur aus der Kindheit herrührt, vertiefen mag, dem sei so eine Möglichkeit angeraten. So vieles wächst versteckt direkt vor unserer Haustür und mit ein wenig Achtsamkeit und Aufmerksamkeit erschließt sich eine kleine, spannende neue, alte Welt. Nicht alles ist immer wissenschaftlich belegt, weniges ist widerlegt und vieles kann in unseren Alltag erneut einfließen, weil es über Jahrhunderte dazu beigetragen hat, uns zu helfen und unsere Gesundheit zu unterstützen- und im Falle einer Apokalypse kann so ein Wissen lebensnotwendig werden (was wir ja mal nicht hoffen).

Sauerampfer, fälschicherweise hier mit ph, ist aber pf
Weiterführende, externe Links:

Die Heilkräuterseiten, über 700 Heilkräuter, Rezepte, Salben, Beschreibungen und vieles mehr.

Nicht verwechseln: Wildkräuter und giftige Doppelgänger



Bildungsurlaub.de, mit allen Infos und bundesweiten Angeboten

Smarticular, ein Ideenportal für einfaches, nachhaltiges Leben

Die Seite unserer ersten zauberhaften Dozentin, Wildkräuter Alessia

Die Seite unserer zweiten, ebenfalls zauberhaften Dozentin, Herbalicious

Buchtipps möchte ich an dieser Stelle nicht geben, da ich selbst nur über eine kleine Auswahl verfüge und zu wenig Vergleiche habe. Als Suchbegriffe empfehlen sich: heimische Wildkräuter, Heilpflanzen, Naturführer, Naturkosmetik. Bei Naturführern sollte auf eine gut bebilderte Struktur geachtet werden, in der auch die giftigen Doppelgänger gut beschrieben werden. Desweiteren bieten auch viele Städte und Naturschutzgruppen Naturführungen über einen Nachmittag an.

Ein Bläuling kreuzte unseren Weg










Kommentare:

  1. Oh, das klingt ganz toll und spannend. Ich lerne da auch schon seit Jahren immer mehr dazu und finde (Wild-)Kräuter einfach faszinierend. Spielt es bei der Verwendung für Tee eine Rolle, ob die Blätter vom Breitwegerich noch jung sind? Da wäre ja eigentlich egal, wenn er zäh ist, wird ja nicht gegessen.

    Liebe Grüße,
    Sabine

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    1. Für Tee sollte es keine Rolle spielen. Da das ganze Kraut verwendet werden kann, sollte der Sammelzeitpunkt auch während der Blüte möglich sein, ich persönlich würde ihn allerdings ab Vollblüte vermutlich nicht mehr nutzen, da dann die ganze Kraft in ebendiese gegangen ist.
      Liebe Grüße zurück schickt
      die Andrea

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